Sehsüchtiger Blick nach Potsdam

Apr 27


Potsdam ist großartig! Am Thalia-Kino in Babelsberg angekommen, werden wir Festivalgäste erstmal von einem Shuttle mit schwarz getönten Scheiben in unsere Unterkunft im Holländischen Viertel gebracht (nicht dass das nötig gewesen wäre ;). Ich teile mein Zimmer mit einem Studenten aus Dänemark und einem aus Saarbrücken. Abends schau ich mir ein paar Kurzfilme im Kino an.

Und weil ich es kaum erwarten kann, endlich das Babelsberger Filmstudio zu sehen, mach ich mich gleich im Anschluss zu Fuß dahin auf. Eine dumme Idee, wie ich feststelle. Ist dann doch etwas weiter weg als gedacht und nach zwanzigminütiger Latscherei mach ich kurz vor dem Babelsberger Villenviertel kehrt.


Am Tag darauf gibt’s eine morgendliche Führung durch die HFF Potsdam-Babelsberg. Mittags treffen wir uns bei den Babelsberger Filmkollegen zum Brunch. Ich unterhalte mich mit Dokumentarfilmstudentinnen aus China, die sich bei mir über die aktuellen Entwicklungen im Tibet erkunden. Zuhause in China bekommen sie wegen der Zensur darüber nämlich keine Informationen. Was für eine verkehrte Welt.

Nachmittags spaziere ich dann über das Studio Babelsberg.
Was da gerade gedreht wird, kann man auf dieser Tafel sehen:


Auf der Studiotour erfahre ich, dass sich die Babelsberger Filmleute zuerst in Berlin ansiedeln wollten, doch dann von der Berliner Stadtverwaltung vertrieben wurden. Die hatten nämlich Angst vor diesen komischen Filmheinis, die ihre riesigen Holzkulissen gerne mal abfackelten.
Auch ein Grund, wieso sich Filmstudios gerne etwas abseits von Großstädten befinden.

Noch eine Anekdote: Der erste Tonfilm entstand erst 1929 auf dem Gelände. Technisch gesehen wäre man dazu zwar schon viel früher in der Lage gewesen, aber ein gewisser Fritz Lang machte bei den Dreharbeiten von Metropolis soviel Krach, dass auf dem ganzen restlichen Gelände kein Tonfilm mehr möglich war. So musste das andere Filmteam nach Berlin-Weißensee ausweichen. Am 16. Dezember 1929 feierte dann endlich „Melodien des Herzens“ Premiere.

Später schaue ich mir die Kulissen von GZSZ an und statte dem kleinen Muck an und dem lieben Sandmännchen einen Besuch ab.

Am Wochenende erkundige ich die Stadt Potsdam. Bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen spaziere ich am Hafen entlang und beobachte die Ausflugsboote auf der tiefblauen, glitzernden Havel. Es ist wie im Urlaub…


Auf dem Weg zum Schloss Sanssouci lege ich einen Zwischenstopp im Babelsberger Filmmuseum ein, begutachte die Vorführgeräte der Gebrüder Skladanowksi und die Sonderausstellung zu Michael Ende.
Besonders interessant fand ich dabei Michael Endes Definition des Magischen Theaters (als Gegensatz zum Epischen Theater von Bertl Brecht):

„Das Theater – wie überhaupt alle Künste – hat ganz und gar nicht die Aufgabe, aufzuklären oder zu belehren. Dazu ist das Theater sogar das aller ungeeignetste Mittel. Theater soll verzaubern und den Zuschauer – einer rituellen Handlung gemäß – in eine andere Welt entrücken“

„Theater ist der Freiraum der Imagination und für die Gesellschaft das, was für den einzelnen der Traum ist.“
Michael Ende

Später schaue ich mir Schloss Sanssousci an, trinke eine Eisschokolade im Banzai (Liebe Paula, vielen Dank für den Tipp!) und verbringe mit den anderen Festivalgästen einen sehr sommerlichen Samstagabend.

Am Sonntag schlendere ich durch den Park Babelsberg und lasse meine Seele und Füße im Wasser baumeln.
Nebenbei lerne ich ein wenig für die Uni-Filmgeschichtsklausur morgen über „Die Anfänge des deutschen Tonfilms“. Das ist dann schon ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man in Babelsberg sitzend die deutsche Filmgeschichte paukt – und sich dabei genau auf einer Parkbank inmitten dieses geschichtsträchtigen Ortes befindet.
Das gleiche Gefühl muss man wohl haben, wenn man auf der Berliner Mauer sitzt und Bücher über die deutsche Einigung liest. Das nenne ich erlebte (Film)geschichte!

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