Reise nach Jerusalem

Jun 25

Jetzt habe ich mich also auch unter die Blogger begeben. Auch wenn diese die Exhibitionisten des 21. Jahrhunderts sein sollen, wie einst ein Spezl von mir meinte. Da ich aber selbst sehr begeistert bin von der Blogosphäre, dem Web 2.0 und seinen Auswüchsen Auswirkungen, werde ich also hier also in a) unregelmäßigen Abständen, mit b) unbeständigem Einsatz c) (un)vollständige Geschichten aus meinem Leben berichten. Und manchmal werde ich auch so faul sein, dass ich einige Sätze nicht mal ganz zu Ende

Der erste Blogeintrag kommt also aus Jerusalem. Eine Woche lang sind wir HFF-Studenten mit Prof. Doris Dörrie hier im Heiligen Land, um Geschichten zu schreiben – denn der Kreativität sind ja bekanntlich keine (Landes)grenzen gesetzt.


Am Flughaben München, im Terminal F, das eigens für die EL-AL da steht, gibt’s erst mal ein Kreuzverhör: Haben Sie ungeöffnete Geschenke dabei? – Nein (leider). – Haben Sie ihren Koffer selbst gepackt?– Ja (leider). – Führen Sie Waffen oder Sprengstoff mit sich? – Ähem, räusper…

Dann wird unser Flugzeug von Panzern des GSG9 und Konsorten aufs Rollfeld gebracht. Sicherheitshalber ist auch ein Sky-Marshall mit an Bord, und es hält sich das hartnäckige Gerücht, dass sich im Rumpf der Maschine Abschussraketen befinden sollen.
Wenige Stunden später landen wir unbeschadet in Tel Aviv. Auf einer sehr schlaglöchrigen Autobahn geht’s dann bergauf nach Jerusalem, an Straßensperren und Kontrollpunkten vorbei.

In Jerusalem werden wir in einem schmucken Hotel untergebracht, es gibt Fernsehen; (Seinfeld läuft). Wir lernen unsere Austauschkollegen von der Sam Spiegel Filmschool kennen, die uns ihre Stadt zeigen. Es gibt kaum einen Stein in Jerusalem, der nicht heilig ist. Die Stadtführung ist ein Schaulaufen der Bibelhelden. Namedropping: Hier war Jesus anno dazumal, da Petrus, gegenüber der Ölberg, hier Herodes, willkommen in der Stadt Davids. Dass man in Anbetracht der Heiligkeit dieser Stadt nicht durchdreht, scheint mir ein Wunder zu sein. Später erfahre ich, dass genau das hier häufig der Fall ist. So mancher Tourist wird der von der Wucht der Heiligen Stadt erschlagen und landet mit Hirnfraktur in der Psychiatrie – „Jerusalem-Syndrom“ nennt sich das.

Nir, mein israelischer Partner, führt mich in die traditionallen Gepflogenheiten ein: Wir gehen erstmal zu Burger King. Vor dem Eingang steht ein Soldat mit M16-Maschinengewehr, der unsere Taschen kontrolliert. An diese Kontrollen sollte man sich gewöhnen. An Eingängen von Kinos, Restaurants und Clubs empfangen einen Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Obwohl Weil an jeder Ecke ein Soldat steht – oder eine der hübschen Soldatinnen in ihrer kokett enger genähten Uniform -, fühle ich mich paradoxerweise sehr sicher in der Stadt. Nur die vielen Tafeln, die an Selbstmordanschläge erinnern, schlagen auf den Burger-Magen. Aber es wäre auch schade, hier nur Burger zu essen, wo ich mich doch glatt in die Israelische Küche verliebe. Wahnsinnige Gewürze und… hach… dieses Fladenbrot…..

Der Weg zu Burger-King führt uns durch den mörderischen Verkehr Jerusalems. Die Stadt ist unglaublich laut, ständig wird gehupt, Hubschrauber kreisen über unseren Köpfen. Die hiesigen Autolenker scheinen um ihr Leben zu fahren, nur Hartgesottene wagen sich auf die Zebrasteifen.
Nir erzählt mir, dass im israelischen Autoverkehr bisher mehr Menschen ums Leben gekommen sind, als in allen Kriegen zusammen. Das glaube ich ihm sogar.


Im Laufe der Woche quatsche ich mit Nir über Gott (seinen, meinen und unseren). Er lädt mich zu sich nach Hause ein und zeigt mir, wie man als Filmstudent in Jerusalem so wohnt. Sein Haus ist aus typischem Jerusalem-Stein gebaut, wie so vieles hier.
Wir zocken Fußball auf der Playstation (ich bin Bayern München, er ist Maccabi Tel Aviv, ich bin grottenschlecht). Sein WG-Mitbewohner, der als Sicherheitsmann für ein Restaurant arbeitet, kommt nach Hause, schleudert seine M16-Flinte in die Ecke und setzt sich dazu.
Irgendwie lebt hier jeder in einem ewigen Kriegszustand und ich habe den Eindruck, dass keiner mehr weiß, wie sich Frieden überhaupt anfühlt. Das bekommen wir dann selbst zu spüren, als einer unser Jerusalemer Austauschstudenten gegen Ende der Woche nach Gaza eingezogen wird.

Wir HFFler verbringen derweil die letzten Tage als Touristen in der Altstadt von Jerusalem. Auf dem Dach des österreichischen Hospizes hat man einen atemberaubenden Blick über Jerusalem und mir wird klar, dass jeder in seinem Leben wenigsten einmal diese wahnsinnige Stadt gesehen haben muss.

Am letzten Tag fahren wir ans Tote Meer. Ein Kindheitstraum wird wahr: Einmal auf dem Toten Meer Zeitung lesen! Und es geht wirklich! Aber erfrischend ist das Bad in dieser Suppe nicht. Fühlt sich an wie salzige, warme Honigmatschmasse.

Zuhause in München liege ich dann erstmal mit Sonnenstich kotzend über der Kloschüssel und habe viel Zeit, über das Erlebte nachzudenken …

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