KSK für Dummies – Die Künstlersozialkasse, einfach erklärt

Aug 17

Zu Gymnasialzeiten habe ich zwar gelernt, wie man die siebte Wurzel aus 823.543 berechnet und die vierte Ableitung aus Sinus mal Cosinus hoch x, aber wie man seine Steuererklärung macht, wird einem irgendwie nicht beigebracht.

Damit soll jetzt Schluss sein, und deswegen möchte ich hier mal festhalten, was ich in den letzten Jahren über die deutsche Bürokratie gelernt habe. Vor allem geht es darum, wie man als Künstler seine Sozialversicherungen und Steuern bezahlt – herzlich willkommen zum Telekolleg Künstlersozialkasse (KSK)!

Über die KSK existieren viele Gerüchte – einige lieben sie, und andere wiederum schimpfen darüber, als wäre sie schlimmer als die Pest.
Aber eines schonmal vorweg – die KSK ist für Künstler was Supergutes!

Gegründet in den 1980ern, hat man erkannt, dass Künstler***und Publizisten in der Regel arme Schweine sind, und beschlossen, ihnen die Hälfte der Kosten für Sozialversicherungen zu SCHENKEN! Die KSK bringt einem Künstler also bares Geld – quasi ein Hartz IV, extra nur für Filmemacher.

Doch schauen wir uns zunächst an, was Sozialversicherungen überhaupt sind und welche Steuern und Abgaben man auf seine hartverdiente Kohle zu zahlen hat.

SZENARIO A: Lieschen Müller, Sekretärin bei Siemens

Beginnen wir mit einem Beispiel aus der „normalen“ Welt, also mit Menschen, die von einer Firma angestellt werden, sozusagen „nicht-selbständig“ arbeiten.

Lieschen Müller arbeitet als Sekretärin für Siemens. Im Einstellungsgespräch hat man sich auf einen Brutto-Monatslohn von 2.000€ geeinigt. Da Lieschen Müller nicht mehr im Mittelalter lebt, soll es ihr auch dann gut gehen, wenn sie alt, krank oder pflegebedürftig wird. Deswegen muss Lieschen Müller in guten Zeiten für ihre schlechten vorsorgen – und von ihrem Bruttogehalt eine Rentenversicherung, eine Krankenversicherung und eine Pflegeversicherung bezahlen***außerdem eine Arbeitslosenversicherung - diese lassen wir der Einfachheit halber mal weg. Diese Versicherungen nennt man Sozialversicherungen. In Deutschland werden die Kosten dafür ungefähr fifty-fitfty zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgeteilt – man spricht von Arbeitgeberanteil und Arbeitnehmeranteil. Wenn Lieschen also zum Arzt muss, zahlt sie eine Hälfte selbst, die andere Hälfte zahlt Siemens.

Die Beitragssätze für die gesetzlichen Sozialversicherungen belaufen sich aktuell (2014) wie folgt:

  • Rentenversicherung: 18,9%, diese Kosten teilen sich Lieschen und Siemens zu je 9,45% auf.
  • Krankenversicherung: 15,5%, davon zahlt Lieschen 8,2% und Siemens 7,3%.
  • Pflegeversicherung: 2,3%, davon zahlt Lieschen 1,275% und Siemens 1,025%.
Bei einem Bruttolohn von 2.000€ ergibt das:
Lieschen zahlt Siemens zahlt
Rentenversicherung 9,45 % = 189 € 9,45 % = 189 €
Krankenversicherung 8,2 % = 164 € 7,3 % = 146 €
Pflegeversicherung 1,275% = 25 € 1,025 % = 20 €
Gesamt = 378 € Gesamt =  355 €

Die Firma Siemens muss für Lieschen also monatlich 2.000€ Gehalt bezahlen + Arbeitgeberanteile von 355€, also 2.355€. Auf der anderen Seite zahlt Lieschen selbst von ihrem 2.000€ Bruttogehalt monatlich 378€ für ihre Sozialversicherungen. Bleiben ihr somit monatlich 2.000€ – 378€ = 1.622€ über.

Doch halt, halt, zu früh gefreut – Lieschen hat ja noch gar keine Steuern gezahlt!  Die kommen natürlich auch noch drauf.

Fürs Berechnen der Steuer gibt es jetzt megakomplizierte Steuertabellen, damit anhand des Familienstands, der Kirchenzugehörigkeit und des Bluts eines jungfräulichen Einhorns der Steuersatz errechnet werden kann. Beim ledigen, kinderlosen, unchristlichen Lieschen liegt der bei ungefähr 14%. Sie zahlt also von ihren 1.622€ nochmal 14% Steuern auf ihren Lohn (=Lohnsteuer), also grob 220€ ***inklusive Solidaritätsbeitrag.

Bleiben für Lieschen:

Bruttogehalt  2.000 €
Sozialversicherungsbeiträge – 378 €
Steuern – 220 €
 Gesamt netto 1.402 €

Lieschen hat also monatlich netto 1.402€ Cäsh in der Täsch – bares Geld, mit dem sie dann Gummibärchen kaufen kann.

SZENARIO B: Klaus Künstler, freischaffender Drehbuchautor

Bei Selbständigen, die ja bei niemandem angestellt sind, gibt es jetzt logischerweise KEINEN Arbeitgeber, der die Arbeitgeberanteile der Sozialversicherungsbeiträge bezahlen könnte. Ein Selbständiger zahlt also alles selbst: die kompletten 19% Rentenversicherung, die komplette Krankenversicherung, die komplette Pflegeversicherung… Nix mit Fifty-Fifty.

Außer man ist Künstler und in der KSK.

Bei Künstlern tut die KSK nämlich so, also wäre sie ein Arbeitgeber – die KSK tut so, als wäre sie Siemens!, und bezahlt die Arbeitgeberanteile!! Ist das cool, oder was?!!!

Nehmen wir an, Klaus Künstler ist Drehbuchautor und erhält 24.000€ Drehbuchförderung. Aufs Monat gerechnet sind das 2.000€. Das ergibt:

Klaus zahlt die KSK zahlt
Rentenversicherung 9,45 % = 189 € 9,45 % = 189 €
Krankenversicherung 8,2 % = 164 € 7,3 % = 146 €
Pflegeversicherung 1,275% = 25 € 1,025 % = 20 €
Gesamt = 378 € Gesamt =  355 €

Also identisch wie bei Lieschen Müller! Auch Klaus zahlt (wenn kinderlos, ledig, kirchenlos) nochmal 14% Steuern – bleiben auch ihm monatlich netto 1.402€***und zwar zahlt Klaus seine Steuern als dicken Batzen einmal im Jahr, sobald er die Steuererklärung abgegeben hat. Lieschen hingegen zahlt ihre Steuern monatlich, indem sie einfach vom Lohn einbehalten werden.. Klaus ist damit der Sekretärin von Siemens gleichgestellt, da die KSK 50% der Sozialversicherungskosten bezahlt hat.

Daher kommt auch der Name – die KSK ist eine Kasse, die Geld für Künstler einsammelt und weiterleitet. Sie ist also KEINE KRANKENKASSE – sondern sie sammelt Geld EIN und überweist es dann AN eine Krankenkasse, wie AOK oder TK. Eine Krankenversicherung ist für Künstler übrigens Pflicht, genauso wie für jeden anderen Menschen in Deutschland. Ebenso Pflicht ist die Rentenversicherung, die jeder Künstler bezahlen MUSS! Man kann sich NICHT „von der Rente befreien lassen“! Dank der KSK werden Rentenbeiträge aber verdoppelt: Klaus zahlt 189€ Rente ein, die KSK packt nochmal 189€ drauf und überweist dann monatlich einen Betrag von 378€ an die Rentenversicherung. Und wenn Klaus dann 110 Jahre alt ist, bekommt er monatlich wieder 378€ zurück. (Hahaha)

Doch woher nimmt die KSK das Geld, mit dem sie Künstler unterstützt? Klar, Siemens holt sich das Geld mit dem Verkauf von Bügeleisen und Waschmaschinen, aber die KSK?

Die Antwort ist einfach – es sind zum einen Teil Steuergelder, zum anderen Teil müssen alle Firmen, die regelmäßig Künstler beauftragen, nochmal 5,2% auf die Künstlergage draufschlagen und an die KSK zahlen – die so genannte KSK-Abgabe (dabei ist es völlig wurscht, ob der Künstler selbst in der KSK ist, Deutscher, Amerikaner oder Holländer). Das heißt, es gibt in Deutschland quasi eine 5%-ige Steuer auf alles, was Kunst ist, die dann an Künstler weitergeleitet wird.

Jetzt wird auch klar, wieso oft über die KSK geflucht wird – vor allem bei Unternehmen, die die KSK-Abgabe zahlen müssen, und bei Künstlern, die von der KSK nicht als „richtige“ Künstler anerkannt werden und nicht von den immensen Vorteilen profitieren. Selbständige Nicht-Künstler finden es natürlich unfair, dass sie die kompletten Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen, Künstler aber nur 50%.

Bleibt nur noch zu klären: Wie kommt man in diese sagenumwobene KSK?

Dazu muss man Künstler sein (und es gibt tausend Definitionen darüber, was ein Künstler ist: Ein Kameramann bei einem Fußballspiel ist kein Künstler, ein Kameramann bei einem Kinofilm hingegen schon; ein Web-Designer ist ein Künstler, ein Web-Programmierer hingegen nicht…). Ebenso muss man hauptberuflich Künstler sein, also mindestens 50% seines jährlichen Einkommens mit Kunst verdienen, mindestens 3.900€. (UPDATE: Mit nicht-künstlerischen (Neben)Tätigkeiten darf man im Jahr maximal 5.400€ verdienen, sonst muss man seine Kranken- und Pflegeversicheurung komplett selbst zahlen! UPDATE 2: Das KSK-Minimum zählt nicht für Berufsanfänger in den ersten 3 Jahren; danach darf das Minimum in 6 Jahren höchsten zweimal unterschritten werden, bevor man wieder aus der KSK rausfliegt).

Wenn man all diese Bedingungen erfüllt, dann kann man sich hier das Formular für ein KSK-Beitrittsgesuch herunterladen. Einmal im Jahr meldet man dann bei der KSK das zu erwartende geschätzte Jahreseinkommen an, die KSK errechnet die monatlichen Sozialversicherungsbeiträge, bucht das Geld monatlich ab, verdoppelt es, und leitet es an die Krankenkasse und Rentenversicherung weiter.

Wenn man also in die Geldverdopplungsanstalt KSK aufgenommen wird, kann man getrost die Korken knallen lassen!

flattr this!

  • T Hom As

    Hey Matthias, toller Beitrag! Hätte es nicht besser erklären können! LG

    • Inge

      Sehr nett geschrieben !
      Ein Punkt fehlt mir aber:
      Die „Kunstverwerter“, also die Käufer, müssen nun die 5,2% Abgaben bezahlen. Wie wird diese berechnet, vom Netto oder vom Brutto (inkl. MwSt.) der Rechnung des Künstlers?

      • Matthias

        Hi Inge,
        die Künstlersozialabgabe muss auf den Netto-Betrag gezahlt werden.

      • Kinesias

        Hi Inge, die Künstlerabgabe muss auf den Netto-Betrag gezahlt werden. lg Matthias

  • Paulania

    Hallo Matthias, danke sehr für diesen gelungenen „Kräschkursus“ und Deine damit verbundene Mühe. Eine vielleicht doofe Frage habe ich nun doch noch: Ist mit den 3.900 Euro netto oder brutto gemeint? Danke sehr und beste Grüße!

  • Oskar

    Hey Matthias, danke für den Überblick! Ich bin heute bei der KSK aufgenommen worden. Vorher habe ich ca. 330€ bei meiner gesetzlichen Krankenkasse für Kranken- und Pflegeversicherung bezahlt. Die KSK fordert nun einen monatlichen Gesamtbeitrag von 337€ allerdings ist jetzt auch die Rentenversicherung mit drin. Lohnt sich das wirklich unterm Strich? Ich bin jetzt 32 Jahre alt und werde meine Tätigkeit als Künstler maximal 15 weitere Jahre ausüben… Wie ist Deine Meinung? Besten Gruß, Oskar

    • Kinesias

      klaro lohnt sich das! 7 Euro mehr und dafür Rente – ist doch ein super Deal! lg Matthias

  • Kirsten

    Hi!
    Tausend Dank für den tollen Überblick. Brauch die KSK für eine Prüfung und aus dem Skript unseres Profs ging leider nicht viel sinnvolles hervor – jetzt hab ich verstanden worums eigentlich geht :) Echt super ;)

  • Julie

    Hallo!
    Darf ich als Auftraggeber/in auch was fragen? – Heißt das, wenn wir als Firma eine/n Künstler/in beauftragen, sagen wir mit einem Honorar iHv 4850 €, müssen wir dann noch zusätzlich 252 € an die KSK einzahlen?

  • Boris Chykulay

    Unglaublich, endlich eine gute info! Vielen Dank!

  • Oliver

    Hallo zusammen, Ich bin Werbefotograf und überlege der KSK beizutreten. Zur Zeit bin ich nicht rentenversichert. „Muss“ ich bei Eintritt wieder automatisch in die Rentenversicherung einzahlen oder kann ich mich davon weiter befreien und nur KV und PV weiterhin zahlen? Vielen Dank für Eure Hilfe.

  • Tatjana

    Hallo, ich bin Künstlerin und habe einen Vertrag erhalten in dem steht, in meinem Honorar sind die 5,2% KSK bereits enthalten und ich muss sie selber abführen. Wie mache ich das? Über eine Antwort wäre ich dankbar

    • kinesias

      ganz ganz ganz falsch!!!! Als Künstlerin müsst du dir doch niemals selbst deine Künstler-Abgabe bezahlen! Dieser Vertrag ist ILLEGAL und dein Kunde handelt gegen das Gesetz! ER muss die Abgabe zahlen, nicht du. Da hat dich jemand ordentlich beschissen. Am besten meldest du diesen Betrüger bei der KSK.

  • Ananda Putra

    Hallo an alle, erstmal vielen Dank dass sich hier jemand Zeit nimmt!
    Meine Frage ist wie es sich verhält wenn man seinen Berufsbeginn im Ausland (außerhalb EU) macht. Habe gerade meinen musik bachelor gemacht, will aber im Ausland arbeiten und leben weil ich hier geheiratet habe.
    Kann ich jederzeit in die KSK eintreten wenn ich wieder nach Deutschland komme?
    Ich bin seit meinem Auslandsstudium nicht in Deutschland gemeldet.
    Wo ich auf lange Sicht wohnen möchte weiss ich noch nicht.

    Macht die KSK Sinn für mich?
    Danke für jede info die hilfreich sein könnte :)

  • Pepa

    Hallo Matthias!
    Vielen Dank für alle Infos! Toll!

    Ich entschuldige erst mal für mein Deutsch und hoffe, dass Du meine Fragen
    verstehen kannst.

    Meine Situation ist die folgende:

    Ich bin Auftraggeberin, gleichseitig Künstlerin (Selbständige Tänzerin-Choreographin) und auch bei der KSK.

    Ich habe eine Koproduktion mit einem Theater erhaltet für 8.000€, ich habe
    dafür eine Rechnung gestellt. Das Theater hat davon 5.2% (416€) KSK abgaben
    abgeführt.

    Mit der 8000€ und weitere Staatliche Fördergelder, muss ich Honorare für
    Künstlern (Tänzer, Lichtdesigner) und auch mein eigenes Honorar zahlen. Die gesamte Summe der Honorare für Künstler ist 16.000€

    Das bedeutet, ich muss weitere 416€ abgaben an der KSK abführen. Richtig?

    Meine Frage ist aber: muss ich für mein eigenes Honorar auch KSK Abgaben abführen? Ich finde das ziemlich seltsam…

    Ich könnte bis jetzt keine Antwort auf diese Frage in der KSK Seite finden.

    Ich bedanke mich sehr im Voraus.

    Viele Grüße

    Pepa

  • Martina

    Hey Matthias, sehr interessanter Artikel. entschuldigung, aber ich kann nicht gut Deutsch sprechen, aber ich habe eine Frage.
    Vielleicht verstehst du Englisch?

    FRAGE:
    I have worked for a couple of small clients abroad and they paid me through Western Union. Thanks to that money I could justify that I have more than the mininum of 3,900 required by KSK. My problem is that I only have invoices to show that I did those works during this year, but I don’t have bank receipts or any paper from Western Union. I don’t understand what I have to do.

    Rechnungen sind genug?

    Entschuldigung, ich studiere Deutsch, aber meine Frage war sehr kompliziert zu erklären.

    Danke schön!
    Martina.